Montag, 21. Mai 2012

Was für eine Stadt: Antwerpen

Auch nach dem heutigen Arbeitstag stehe ich noch ganz unter dem überwältigenden Eindruck unseres Aufenthalts in Antwerpen, wo wir uns von Donnerstag- bis Sonntagmittag in einer Ferienwohnung einquartierten, um von dort die Stadt an der Schelde per Tram, Fahrrad und zu Fuß zu erkunden (mit dem Schiff dann beim nächsten Mal). Es wird sicher eine ganze Weile dauern, ehe ich die Fülle an Reiseindrücken halbwegs sortiert und für diesen Blog niedergeschrieben sowie eine Auswahl der rund 900 Fotos, die ich von dort mitgebracht habe, vorgenommen und aufbereitet habe. Ich melde mich dann.

Freitag, 18. Mai 2012

Museen und vieles mehr: Herumstöbern in Antwerpen

Vier Tage in Antwerpen, 17. bis 20. Mai 2012, Teil 2/4

Zum Frühstück besorgt die Liebste Bagels und Brot von der jüdischen Bäckerei „Kleinblatt“, einem Familienbetrieb ursprünglich aus Krakau, der seit den Zwanziger Jahren in Antwerpen ansässig ist. Hinter der Theke stehen schwarz gekleidete Männer mit Bart und Locken, die sich auf Jiddisch unterhalten. Wie die Website der Bäckerei verrät, wurden zwar auch Angehörige der Familie von den Deutschen ermordet, aber die eigentlichen Ladenbesitzer überlebten wie dreitausend andere Antwerpener Juden auch, im Untergrund versteckt, die deutsche Besatzung.


Einblicke und Aussichten: Ein Jahr MAS


Gut gestärkt machen wir uns nach dem Frühstück zu Fuß und mit der Tram auf den Weg zum MAS-Museum. Unterwegs passieren wir Schaufenster voller Trödel und Nippeskram. Später lesen wir, dass es sich um das Geschäft des Ehepaars Janssen handelt, das dort seinen über Jahrzehnte gesammelten Kram veräußert. Nachmittags zwischen drei und vier Uhr sollen sie vor ihrem Laden sitzen und die Artikel aus dem Schaufenster verkaufen. Betreten kann man ihren Laden aber nicht, da alles zugestellt und kein Durchkommen ist. Mit dem Besuch des MAS (Museum Aan de Stroom) haben wir heute gleich dreifach Glück: Es ist nicht nur geöffnet und präsentiert sich im schönsten Sonnenschein, sondern wegen seines einjährigen Jubiläums ist auch Tag der offenen Tür, also freier Eintritt.




Das MAS ist derzeit das erfolgreichste belgische Museum, heimste zahlreiche Architektur- und Museumsauszeichnungen ein und wurde im ersten Jahr seines Bestehens von 945.000 Menschen besucht (mehr als das Brüsseler Magritte-Museum). Von außen finde ich den zehngeschossigen, 60 m hohen Bau mit seiner Fassade aus rotem Stein und senkrecht wellenförmig geschwungenem Glas architektonisch gar nicht mal so grandios, wie es sein vorauseilender Ruf verspricht. Das ändert sich, wenn man das Gebäude betritt und begeht. Von den umlaufenden Treppenhäusern mit Rolltreppen und den Außenräumen der einzelnen Ebenen aus hat man immer wieder neue, spektakuläre Ausblicke auf den Hafen, die Schelde und die Stadt.

Und auf dem Dach - mit Picknickareal - kann man dann sogar einen Rundum-Panoramablick genießen. Die Innenstadt wird von den Türmen der Kirchen und zwei Hochhäusern dominiert; erst zuhause werde ich auf den Teleaufnahmen südlich der Innenstadt Dinge erkennen, denen wir erst später begegnen werden: einer Art Deco-Kirche, dem neuen Justizpalast und einem angelegten Frachtschiff. Das Schönste an den Aussichtsplattformen des MAS ist, dass diese tagsüber stets frei zugänglich sind, also grundsätzlich keinen Eintritt kosten.







Doch auch die Ausstellungen im aus mehreren kleineren, ethnologischen, stadtgeschichtlichen und Schifffahrtsmuseen hervorgegangenen MAS sind ihr Geld wert. Auf sieben Ebenen werden in fensterlosen Innenräumen thematisch gebündelte Ausstellungen mit allen museumsdidaktischen Schikanen dargeboten. Davon schauen wir uns nur drei an: Die beiden ständigen Ausstellungen über die interkulturelle Weltstadt und den Welthafen Antwerpen sowie die aktuelle Wechselausstellung (noch bis zum 31.12.2012) mit Meisterwerken aus fünf Jahrhunderten künstlerischen Schaffens in Antwerpen. Allesamt lohnenswert und genau das Richtige für einen zweiten, ausführlicheren Besuch an einem Regentag - wenn wir noch einmal wiederkommen. Vor dem MAS wird gerade eine gewaltige Geburtstagtorte bestückt, die, wie wir am nächsten Tag in der Zeitung lesen, achtzehn Meter lang ist und am Nachmittag an die Besucher ausgegeben wird.




Wir zwingen uns zu einer Mittagspause in der Ferienwohnung und steigen eine Haltestelle eher aus der Straßenbahn aus, um uns in der Bäckerei „Kleinblatt“, die sowohl Boulangerie (Brotbäckerei) als auch Patisserie (Konditorei) ist, mit Erdbeer- und Käsekuchen einzudecken. Als jüdische Bäckerei – jetzt bedienen hier aber nicht orthodox jüdische Frauen - unterteilt sie ihre Torten und Teilchen danach, ob sie mit Milchprodukten oder ohne hergestellt sind. Wir dürfen zum Glück alles essen und lassen es uns schmecken.


Auf die Räder, fertig, los: Fotomuseum, Scheldeufer, Antiquitätenläden und Modeviertel

Nach der Mittagsrast holen wir uns aus der Garage unserer Vermieter Eric und Herman die angebotenen Räder und machen uns damit auf den Weg zum Fotomuseum am früheren, längst zugeschütteten, südlichen Hafenbecken. Dazu müssen wir einmal quer durch die Innenstadt radeln, was sich auch wegen reichlich vorhandener Radwege als weniger problematisch erweist als befürchtet. Da macht uns das Kopfsteinpflaster in kleineren Seitenstraßen schon mehr zu schaffen. Zunächst folgen wir dem prächtigen Bahndamm mit seinen schönen Unterführungen, ehe wir Richtung Stadspark einschwenken, ein grünes Dreieck mit Teichen, das wir bei unseren Radfahrten immer wieder streifen. Dort steht eines der gewohnt martialischen, belgischen Kriegerdenkmale für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges (die Daten des Zweiten Weltkrieges wurden hier wie überall einfach hinzugefügt). Auch diese sehr plastische und theatralische Inszenierung könnte direkt einem Comic entspringen, allerdings nicht den düsteren, realistischeren Weltkriegcomics von Jacques Tardi, denn mit dem industriellen Massenmorden und -sterben in Flandern hat dieses heroische Denkmal wenig gemeinsam.




Wenig später, es hat inzwischen zu nieseln begonnen, stoßen wir auf ein kurioses Jugenstilgebäude. Sein Eckbalkon ist einem Schiffsbug nachempfunden. Ist das nicht herrlich? Ist das nicht typisch? Dass wir eine solche architektonische Laune nur in diesem surrealen Belgien vorfinden, versichern wir uns nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal.Leider gibt es zu unserer Enttäuschung keinen Architekturführer über Antwerpen - nicht in Niederländisch, nicht in Englisch, nicht in Deutsch. Wir können es kaum glauben, als man uns dies in einem Buchladen versichert. So muss ich mich mit einem Verzeichnis der 75 bedeutendsten belgischen Bauwerke aus dem 20. und 21. Jahrhundert (darunter neun in Antwerpen) und einem verbilligt erworbenen Führer zum Belle Epoche-Viertel um die Cogels-Osylei zufrieden geben.

Der Nieselregen währt nur kurz, jetzt ist es auch nicht mehr weit bis zum Fotomuseum FoMu, das hinter der erhaltenen Fassade eines ansonsten entkernten Lagerhauses liegt. Dort erwarten uns eine ständige Ausstellung zur Fotografiegeschichte mit allerlei Fotoklassikern, zwei kleinere Ausstellungen belgischer Nachwuchsfotografinnen sowie eine große Sammelausstellung zum Thema „Imaging History“ (nur noch bis zum 3. Juni 2012). Davon gefällt uns zwar längst nicht alles, aber einiges umso mehr. Einsamer Höhepunkt sind die traurig/schaurig schönen Bilder von Simon Norfolk (GB), die er in den letzten beiden Jahren in Afghanistan auf den Spuren von John Burke aufnahm, der dort im 19. Jahrhundert während der desaströsen britischen Militärkampagne Land und Leute ablichtete. Im gezeigten Dokumentarfilm lässt Norfolk (der keine direkten Kriegshandlungen fotografiert) keinen Zweifel daran, dass sich seine Fotografien aus Enttäuschung und Wut über den sinnlosen Krieg des Westens speisen und ihre Schönheit kein Selbstzweck ist, sondern bewusst eingesetzt, um den Betrachter zu erreichen. Bei uns ist ihm dies gelungen.




Wenn man nach einer solchen Ausstellung zudem in einer fremden Stadt wieder auf die Straße tritt, gibt es stets einen Moment der Irritation: Wo befinde ich mich doch gleich? Richtig, in Antwerpen, und da lugt ja auch schon ein echter Schiffsbug um die Ecke. Und da Binnenlandbewohner wie wir selten ein so großes Schiff von nahe zu sehen bekommen, begeben wir uns gleich an die Wasserkante und machen ein paar Fotos. Die CSL Thames ist ein Massengutfrachter unter maltesischer Flagge, der offenbar zwischen Liverpool und Antwerpen pendelt. Auf alten Fotos aus Antwerpen sieht man, dass wenigsten bis in die Siebziger Jahre der Fluss und die  innerstädtischen Kais voller Fracht- und Passagierschiffe waren. Jetzt tuckert hier nur noch gelegentlich ein Küstenmotorschiff oder Ausflugsboot vorüber.


Wir folgen dem Scheldeufer nordwärts. Am Restaurant Zuiderterras, von dem wir uns fragen, ob der Bau älteren oder neueren Datums ist (tatsächlich stammt er von Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger Jahre und ersetzte den abgebrannten Altbau an derselben stelle) parken ein paar schön anzusehende Oldtimer am Ufer. Irgendwie passen die hierhin.






Am Eingangsgebäude des Fußgängertunnels unter der Schelde (den wir uns für morgen aufheben) biegen wir stadteinwärts ab und  stellen die Räder ab. Wir schlendern die Kloosterstraat mit ihren Antiquitäten- und Trödel-Läden entlang. Nett anzuschauen und einen Abstecher wert, aber nicht so umwerfend wie in Brüssel. Ähnlich ergeht es uns im Modeviertel um die Nationalestraat. Mode interessiert uns beide nicht, aber die Liebste stöbert schon mal im einen oder anderen Second Hand-Laden, während ich die tollen Ladengebäude und -fronten ablichte. Für mich lässt sich die Qualität urbaner Architektur an der Gestaltung der Kreuzungen und Eckgebäude ablesen, und da bin ich hier genau richtig.

Anschließend durchqueren wir wieder die Innenstadt und passieren ein fünfzehngeschossiges Hochhaus aus den späten Fünfziger, frühen Sechziger Jahren, das die städtische Polizei beherbergt und in meinen Augen ästhetisch nicht an den Boerentoren heranreicht. Die fensterlose Seitenansicht wirkt noch bedrückender als der Rest.



Tagesausklang in Zurenborg


Nach kurzem Zwischenstopp in der Ferienwohnung bringen wir die Räder zurück in die Garage unserer Vermieter. Fürs Abendessen haben wir uns das kleine, einfache marokkanische Restaurant „Synia“ in einer Seitenstraße nahe dem Dageraadplaats ausgesucht. R. isst ein Tanginegericht mit Hühnchen und Gemüse, ich den obligatorischen Grillteller, beides preiswert und gut, in einer freundlichen und angenehmen Umgebung. Wie wir einer Stadtteilzeitung entnehmen, hat Besitzer Youssef El Issati, der acht Jahr im örtlichen Jugendzentrum aktiv war, das Lokal erst in diesem Jahr umgebaut und eröffnet.








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Zum abendlichen Verdauungsspaziergang begeben wir uns noch einmal in das Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene Bell Epoche-Viertel um die Cogels-Osylei. Die Architektur dieses Villenviertels ist ein bunter eklektischer Reigen: allerlei Neoklassizistisches, englische Tudor- und Cottagezitate, aber auch jede Menge Art Noveau. An die hundertfünfzig denkmalgeschützte Gebäude befinden sich hier, die – kaum vorstellbar - in den Siebziger Jahren einem Einkaufszentrum und anderen Neubauten weichen sollten. Trotz einiger weniger Abrisse an den Rändern bietet diese Siedlung eine Fülle und Geschlossenheit an Jugendstilgebäuden auf, wie ich sie in dieser Kompaktheit selbst aus Brüssel nicht in Erinnerung habe. Wahrscheinlich könnte man hier ein Dutzend Mal durchgehen und würde immer noch neue bauliche Details entdecken. Ein paar davon fange ich mit der Kamera ein, auch wenn das Licht nicht mehr so toll ist.  




Auch den Zwillingswassertürmen zwischen Straßenbahndepot und Bahnlinie statten wir einen kurzen Besuch ab. Derweil füllt sich das Viertel, also vor allem die Restaurants am Draakplaats und Dageraadplaats, offenbar eine beliebte Ausgehmeile. Wir ziehen uns zurück in unsere Ferienwohnung. Die Liebste kauft im Nachtshop gegenüber (für die Nachtläden wird in der lokalen Presse ein Alkoholverbot diskutiert wird, was ihr Ende wäre) noch zwei Flaschen Bier, die wir uns nach diesem vollen Tag mit hoch gelegten Beinen schmecken lassen.